Wie unsere Klassenkasse zur Spendenbüchse wurde

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Stellvertretend schreibe ich, Alexa, für meine Klasse darüber, wie wir erst Geld für unsere Klassenfahrt sammelten und uns dann für Spenden entschieden, selbstverständlich in chronologischer Reihenfolge und möglichst detailliert. Also von vorn: Es ist das Jahr 2019 und wir gehen in die achte Klasse. Unsere Klassenlehrerin, Frau Bonath, hat einen weisen Blick in die Zukunft gerichtet und klärt uns über die Kosten auf, die in der neunten Klasse auf uns zukommen werden, was nicht wenig ist, da eine Klassenfahrt und die Anschaffung eines iPads geplant sind. Nun beginnt das Nachdenken, woher bekommen wir Geld, um unsere Eltern finanziell zu unterstützen? Denn schließlich geht es um uns, warum also nicht versuchen, selbst einen Teil zu erarbeiten?

Um nicht von den zahlreichen Diskussionen zu erzählen, sind hier die groben Ergebnisse: wir werden Kuchenbasare machen, beim Schulfest Essen verkaufen und Zeitung sammeln. Wir planen, all diese Dinge in der neunten Klasse zu machen, was allerdings, außer bei dem Punkt des Schulfestes, keine weitere Rolle spielt.

Kuchenbasare sind in Schulen immer eine gute Sache, denn nur wenige Menschen dieser Erde mögen keinen Kuchen und man erhascht sich als Schüler:in noch ein paar Sympathiepunkte, wenn der Kuchen dann auch noch gut schmeckt. Außerdem muss man schon vor der Pause alles vorbereiten, was ein paar Minuten weniger Unterricht bedeutet, wer sagt da schon nein…

Das alljährliche Schulfest ist bei allen bekannt, weshalb wir wussten, dass wir in unserem neunten Schuljahr zur Gruppe „Essen“ gehören. Die neunten Klassen haben an diesem Tag die Aufgabe, für Essen und Getränke zu sorgen und genau das haben wir getan. Um den nächsten Neunten eine kleine Inspiration zu geben; Pommes verkaufen sich unglaublich gut. (Gesundes ist mehr so mäßig angesagt, das kaufen nicht mal so richtig die Lehrer:innen…)

Die beste Idee war das Sammeln von Zeitungen. Fast jeder Haushalt erhält wöchentlich Prospekte und Zeitungen, die nach einmaligem Lesen nicht mehr gebraucht werden, aber nur wenige bringen die Zeitung wirklich weg, um sie später zu recyceln. Das ist vollkommen verständlich, aber mehr Haushalte bedeutet auch mehr Geld und der Aufwand lohnt sich. Man muss erwähnen, dass der Aufwand dieser Aktion hauptsächlich an Frau Bonath ging, die sich freundlicher Weise bereit erklärte, die Zeitungen wegzubringen. Für uns hieß es also lediglich, alle Zeitungen zusammenkramen und jede Woche zur Schule bringen.

Der Vollständigkeit halber muss ich jetzt noch eine Sache ansprechen, bevor ich zur Aufklärung des Titels kommen kann und das ist ein Wettbewerb, den ich hiermit auch allen neunten Klassen empfehle.

Gegen Ende der achten Klasse erzählte uns Frau Bonath von einem Wettbewerb der IHK Neubrandenburg. Es handelte sich dabei um den Wettbewerb der „Besten Neunten“. Das Prinzip ist relativ einfach, man meldet sich als Klasse an und hat ein neues Ziel, sich in der neunten Klasse um gute Noten zu bemühen. Der Wettbewerb vergleicht in verschiedenen Kategorien, darunter zum Beispiel „der beste Durchschnitt“, alle Klassen, die sich anmelden. Die anfängliche Skepsis, wozu man das denn machen sollte, verging mit der Erkenntnis, dass man nicht verlieren kann. Im ersten Halbjahr der neunten Klasse strengten wir uns alle also besonders an, allerdings machte uns die Pandemie für das zweite Halbjahr einen Strich durch die Rechnung. Der Wettbewerb bahnte sich seinen Weg in den Hintergrund und später wurde er von fast allen vergessen. Ich muss nicht erneut erklären, wie anstrengend und kompliziert die gesamte Pandemie für ALLE Menschen war und ist.

Es ist das Jahr 2020 und wir gehen nun in die zehnte Klasse. Wie durch ein Wunder sitzt die gesamte Klasse im Geschichtsunterricht und hat gerade verdammte Angst, aufgerufen zu werden, denn die Aufgabe ist eine „Bildanalyse“. Niemand hatte mehr an diesen Wettbewerb gedacht und so dauerte es einige Sekunden, bis wir verstanden, worum es sich bei diesem Bild handelte. In großen Buchstaben stand dort „Beste Neunte“. Niemand hätte damit gerechnet, aber wie durch ein Wunder können wir nun allen stolz erzählen, dass wir gewonnen haben. Dieser Wettbewerb brachte unserer Klassenkasse tausend Euro für die geplante Klassenfahrt.

Womit ich auch zur Aufklärung des Titels kommen kann. Durch die Pandemie wurden wir nicht nur in unserem Schulalltag eingeschränkt, uns wurde ebenfalls keine Abschlussfahrt erlaubt. Eigentlich war diese Fahrt für das neunte Schuljahr geplant, doch schon das funktionierte nicht. Das ist für uns alle schwer und wir bedauern es sehr. Vielen Klassen geht es ähnlich und unzählige Menschen sind von der Pandemie betroffen. Das sollte nun allgemein bekannt sein, wo wir doch schon seit mehr als einem Jahr mit dem Virus leben.

Um nun zu unserer Klassenkasse zu kommen, eine Klassenfahrt und sonstige Aktivitäten hatten wir aus unseren Köpfen gestrichen, wir planen lediglich eine Abschlussfeier im kleinen Rahmen. Diese Feier wird allerdings nicht das gesamte Geld in Anspruch nehmen und auch, wenn wir gern von einer Fahrt oder ähnlichem träumen würden, schlägt uns die Realität entgegen. Unsere Klasse wird, genauso wie alle anderen zehnten, aufgeteilt und wir werden nicht alle zusammen in einem Kurs ab der 11. Klasse lernen.

Also stehen wir vor der Frage, was tun mit all dem Geld? Es ist ziemlich simpel. Man muss nur den Fernseher anschalten, Nachrichten hören oder Social Media öffnen und man sieht, dass wir nicht diejenigen sind, die am meisten betroffen sind. Vielen Menschen und unzähligen Organisationen geht es deutlich schlechter als uns, weshalb die Entscheidung, was wir mit dem restlichen Geld machen, eine einfache war. Wir spenden es.

Nun standen wir vor den schwierigeren Entscheidungen und es gab Diskussionen.

Bevor ich also nun schreibe, an wen unsere Spenden gehen, möchte ich die Möglichkeit nutzen, um auch andere Klassen und Menschen aufzufordern, an Betroffene der Pandemie zu spenden oder ihnen zu helfen. Wir können nur gemeinsam etwas bewegen und jede kleine Aktion kann helfen. Es ist uns als Klasse hierbei auch wichtig, uns nicht in den Vordergrund zu stellen. Wir haben nicht das Recht, die Moralapostel zu spielen und das wollen wir auch nicht. Es ist uns wichtig, andere Menschen dazu zu ermutigen, selbst zu spenden oder für andere etwas Gutes zu tun und nichts anderes.

Unsere Spenden gehen an insgesamt fünf Organisationen und Institutionen und wir hätten gern noch unzählige mehr unterstützt.

Die erste Spende geht an das Tierheim in Neustrelitz, was durch die Pandemie insoweit betroffen ist, dass es an Aufmerksamkeit fehlt. Das Tierheim ist in jeder Situation auf Spenden angewiesen und geriet durch die Pandemie leicht in Vergessenheit, weshalb wir es gern mit einem Teil unseres Geldes unterstützen wollen.

Außerdem unterstützen wollen wir das Hospiz unserer Stadt. Der DRK Kreisverband Mecklenburgische Seenplatte e.V. ist als Hospiz-Träger gesetzlich dazu verpflichtet, 5 Prozent der anfallenden Kosten selbst zu finanzieren.1 Nur durch Spenden kann das ermöglicht werden, weshalb wir auch hier einen Teil unseres Geldes einsetzen.

Des Weiteren planen wir eine Spende an die Hanse-Tour Sonnenschein. Die Organisation unterstützt Projekte der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung für Kinder und Jugendliche. Eine Palliativversorgung ist für die Menschen wichtig, die eine umfassende Betreuung brauchen, weil sie an nicht heilbaren, fortschreitenden und weit fortgeschrittenen Erkrankungen leiden. Bei Kindern und Jugendlichen übernehmen die Krankenkassen nicht alle Kosten, weshalb man auf Spenden angewiesen ist.

Was vor der Pandemie noch Stoff für rege Diskussionen war, wurde jetzt beinahe vergessen, die Flucht über das Mittelmeer. Wir scheinen zu vergessen, dass immer noch täglich Menschen um ihr Leben kämpfen und das in unglaublich unmenschlichen Bedingungen. Unsere Spende geht deshalb an Seawatch, die gemeinnützige Initiative, die sich der zivilen Seenotrettung im zentralen Mittelmeer verschrieben hat.2 Es gibt viele weitere Organisationen, die sich die Seenotrettung zur Aufgabe gemacht haben und jede ist es wert, unterstützt zu werden. Unsere Wahl fiel letztlich auf Seawatch, da diese Initiative eine der bekannteren ist, weshalb sie wahrscheinlich mehr Spenden als kleine Organisationen erhält und so auch mehr Menschen in Not helfen kann, was für uns eindeutig im Fokus stand.

Unsere fünfte und damit auch letzte Spende geht an den Schulverein unserer Schule. Hauptsächlich soll sie ein Ausdruck unseres Dankes an unsere Schule darstellen, da wir gerade durch die Pandemie erkannt haben, dass wir privilegiert sind. Unsere Schule ist verhältnismäßig weit fortgeschritten in der Digitalisierung, weshalb unser Home-School-Alltag weniger schlimm war als der anderer Schulen.

Wir möchten hiermit noch einmal einen Dank an all die Menschen aussprechen, die es uns ermöglicht haben, soviel Geld zu sammeln und uns somit die Möglichkeit gaben, etwas Gutes zu tun. Ein Dank geht auch an unsere Klassenlehrerin, Frau Bonath, die uns immer eine große Unterstützung bei allen Problemen und allen organisatorischen Dingen war.