Carolinerinnen am (nicht vor!) Gericht

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Was macht ein Griechischkurs des Gymnasium Carolinum am Gericht in Neubrandenburg? Mussten etwa Zeugenaussagen getätig werden? Oder war gar ein Kursmitglied angeklagt? Nein, aber wenn über antike Gerichtsprozesse im Unterricht gesprochen wird, sollten die Carolinerinnen auch einen heutigen Prozessablauf gesehen haben. Denn nur so können sie verstehen, was sich verändert hat - und warum.

Am Dienstag, den 22.02.22, fuhr also der Griechischkurs des zwölften Jahrgangs in das Justizzentrum Neubrandenburg, um an einer öffentlichen Hauptverhandlung als Zuschauer teilzunehmen. Den beteiligten Carolinerinnen bot sich der komplette Prozessablauf, vom Verlesen der Anklageschrift, über widersprüchliche Zeugenaussagen bis zum Urteilsspruch „im Namen des Volkes“.

Anschließend hatten die Schülerinnen eine außergewöhnliche Möglichkeit, da die leitende Richterin, Frau Krüske, und einer der ehrenamtlichen Schöffen ihnen Rede und Antwort stand.  Viele Parallelen konnten zwischen der in Unterricht behandelten Gerichtsrede aus dem Athen des vierten Jahrhundert vor Christus und dem Fall von Drogenmissbrauch heute gezogen werden: Im

Nachhinein war es in beiden Fällen schwer, den genauen Tathergang zu rekonstruieren – vielleicht weil die Parteien jeweils unliebsame Umstände verschwiegen? Oder kann man sich im Nachhinein nicht mehr genau erinnern? Das Urteil ergeht in beiden Fällen aus der Mitte des Volkes: Im antiken Athen sprachen zahlreiche Geschworene, die gelost wurden, das Urteil, im besuchten Prozess waren die Schöffen als Laien ebenso stimmberechtigt wie die vorsitzende Richterin. In beiden Fällen wurde das Urteil nach einem Verhandlungstag gefällt und kann von modernen Rechtsmittel wie Berufung abgesehen – auch im Nachhinein nicht mehr verändert werden.

Viele Fragen hatten die Schülerinnen auch bezüglich der persönlichen Erfahrungen der Richterin: Gehen ihr die Verurteilungen und Schicksale nahe? Grübelt sie mitunter nach einem Urteil noch darüber nach, ob es nicht einen besseren Urteilsspruch gegeben hätte? Wie fühlt es sich für sie an, wenn Recht und Gerechtigkeit nicht gleich sind?

Offen, ehrlich und mit einer Prise Humor hat Frau Krüske diese Fragen beantwortet.  Anschließend wurde den Carolinerinnen noch eine besondere Ehre zuteil: Sie durften sich neben der Richterin auf die Geschworenenplätzen setzen. Neben den Zuschauerplätzen noch ein angenehmer Platz, denn eins war am Ende der Exkursion klar: Auf der Anklagebank möchte man nicht sitzen.