1966/1967 Winter

Carolinum
Blätter für Kultur und Heimat

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(32.) 29. Jahrgang Nr. 46

Inhaltsverzeichnis
  • Gespräch über den Nutzen der Weisheit Friedrich Griese "Wozu seid ihr eigentlich nütze?" fragte jemand den weisen Mann, der gerade eine Betrachtung über den Wert der Zeit geschrieben hatte. "Was habt ihr vor, was bringt ihr zustande? Was erwerbt ihr für euch und eure Kinder?" "Wir bringen nicht viel von dem zustande, womit man sich etwas erwirbt", erwiderte der Weise, "es ist nicht unsere Aufgabe."
  • Gang in den Abend [Gedicht] G. H. Ich ging den Pfad, / den meine Füße oft mich trugen, / folgte des Windes leiser Spur / und gab mich ganz / dem Ruch der Gräser und der Blüten.
  • Das Schöpferische im Lebenswerk Heinrich Schliemanns im Lichte psychoanalytischer Forschung William G. Niederland Dem Wunsche der Schriftleitung des "Carolinum" um einen Bericht über meine psychobiographischen Forschungsergebnisse, die sich auf das Leben und Werk Schliemanns beziehen, bin ich nur mit einigem Zögern und innerem Widerstreben nachgekommen und es sei mir daher gestattet, meinen nachstehenden Betrachtungen einige wissenschaftliche Vorbemerkungen zur Erläuterung vorauszuschicken. Als amerikanischer Psychiater und Analytiker, der seit Jahrzehnten um die Aufhellung tiefenpsychologischer Probleme im Leben genialer Menschen bemüht ist, bin ich mit der auch heute noch in Europa verbreiteten Vorstellung, daß sich die Psychoanalyse hauptsächlich mit sexuellen Dingen und Aberrationen befaßt, wohlvertraut.
  • Deutschland 1828. Streiflichter aus einem Tagebuch Bernd Funck Für uns heute Lebende hat das Betrachten einer anderen Zeit, einer schon längst entschwundenen Welt, einen ganz besonderen Reiz und immer wieder zieht es einen vom Alltag hinweg zu einer solchen Beschäftigung. Was aber könnte deutlicher einen Eindruck von einer vergangenen Epoche vermitteln als das Zeugnis eines Menschen, der in jenen Tagen lebte. Erfahren wir doch gerade so weit mehr über Denken, Sitten, Gefühle, Bräuche und Leben einer historisch gewordenen Zeit, wenn wir z. B. ein Tagebuch des Jahres 1828 aufschlagen und sich vor uns von der Hand des Schreibers entworfen ein Bild Deutschlands aus diesen Tagen auftut; des Deutschlands, das Leute wie Schinkel, die Humboldts, C. D. Friedrich und Ph.-0. Runge, Goethe, Beethoven oder auch einen Freiherrn vom und zum Stein mit ihrem Geiste prägte.
  • Chronik der Stadt Burg Stargard und ihrer Gemarkung im Rahmen der Landesgeschichte VIII f, 3 Bedeutung der Schlacht bei Möckern. Ausgang der Völkerschlacht bei Leipzig. Überblick und Ausgang P. Steinmann Napoleons Ansichten und Erwägungen über die strategische Gesamtlage am 16. Oktober, über seine Aussichten und über die erforderlichen Maßnahmen hatten nicht zuletzt auf folgenden Annahmen beruht: Blücher befinde sich am 15. mit seiner Armee noch am linken Ufer der Saale, würde am 16. auf der Straße Weißenfels-Leipzig oder von Merseburg auf Makranstädt vorgehen, könne daher am 16. kaum oder erst spät seine Truppen bzw. einen Teil von ihnen einsetzen. Statt dessen war aber Blücher am 15. von Halle auf Leipzig vorgerückt und biwackierte in der Nacht auf den 16. bereits bei Schkeuditz, über halbwegs Halle-Leipzig!
  • Goethe und die Mecklenburger G. H. Piehler Im "Goethe Jahrbuch", Band 24, 1962, finden wir auf Seite 180-201 einen Aufsatz von Heinrich Roloff, Berlin, mit der Überschrift "Goethe und die Mecklenburger." Wir wissen zwar, daß der kunstliebende Meckl.-Strel.-Großherzog Georg mit Goethe in regem Briefwechsel gestanden und auch im Goethe-Haus in Frankfurt verkehrt hat. Aber welche weiteren Beziehungen können zwischen Goethe und den Mecklenburgern bestanden haben?
  • Der Reuter-Brunnen in Neubrandenburg W. H. Jaeger Der Reuter-Brunnen ist eine Stiftung von Herrn Hermann Carstens an die Stadt Neubrandenburg anläßlich des 100jährigen Bestehens der Modewarenfirma H. C. Nahmmacher. Er wurde am 31. März 1923 auf dem Marktplatz vor dem Rathaus eingeweiht. Nur ein Jahr vorher war Herr Carstens zu mir gekommen mit der Bitte, einen plastischen Entwurf für einen Reuter-Brunnen zu machen, für den er folgende Szene gewünscht hatte und dargestellt haben wollte: Gespräch zwischen Dörchläuchting und Bäckerin Schultsch, die ihm vor dem Palais auf dem Marktplatz in Neubrandenburg eine Rechnung über wochenlang gelieferte Waren überreicht. Fritz Reuter beschreibt diese Szene in humorvoller Weise.
  • Goethe zwischen zwei Frauen (I) Walter Parisius Am 7. November 1775 früh traf Goethe mit dem jungen Kammerherrn von Kalb, der ihn unterwegs abgeholt hatte, in Weimar ein und stieg zunächst bei dessen Eltern ab. Weimar war damals halb Dorf, halb Residenz. Bei Regenwetter war durch den Dreck der Straßen kaum durchzukommen. Die letzten 16 Jahre hatte die 18jährig verwitwete Herzogin Anna Amalia - eine kluge, umsichtige Frau - als Witwe regiert und ihre beiden Söhne Carl August und Konstantin erzogen.
  • Dörchläuchtings Haus auf dem Domhof zu Ratzeburg Hans Henning Schreiber Durch allen Wandel und in allen Katastrophen dieser Zeit ist auf dem Domhof zu Ratzeburg neben dem Dom auf der idyllisch auf einer Insel gelegenen Stadt ein Gebäudekomplex erhalten geblieben, der an die jahrhundertlange Zusammengehörigkeit des Domhofes mit Mecklenburg erinnert. Es ist das alte herrschaftliche Haus, die jetzige Domprobstei. Gerade heute, da eine schmerzliche und unnatürliche Grenze die alte Verbindung zerstört hat, sollte das unter Adolf Friedrich IV. von Mecklenburg-Strelitz in den Jahren 1764/66 erbaute Haus uns an die gemeinsame Geschichte in Staat und Kirche erinnern und uns mahnen, nicht voreilig etwas zu tun, was der zukünftigen Aufgabe dieses alten kirchlichen Raumes schaden könnte.
  • Das Märchen von der Mauer Goede Gendrich Das Sternenmosaik des Froschbisses war aus tausend Unscheinbarkeiten zu einem Teppich von inniger Schönheit geknüpft. Vor dem Schilf, das flirrend mit dem Wind spielte und einem Gebet gleich zur Sonne aufstieg, lag, modernd und bis zum Bugholz versunken, ein Kahn; eine rostige Kette verband ihn mit dem Ufer. Über seinem vergehenden Holz, über seiner sinnlosen Gebundenheit, lag noch die Weite, die er einst, getrieben von längst Gestorbenen, mit fröhlicher, silberner Bugwelle durchmessen hatte.
  • Über den Ursprung und die Geschichte Malchins (V) Ulrich Fischer Bruchstücke eines Malchiner Stadtbuches. Umfangreiche mittelalterliche Stadtbücher sind u. a. von Wismar und Rostock erhalten geblieben, während andere Städte überhaupt keine mehr aus dieser Zeit aufweisen können. Malchin sind durch Zufalll wenigstens 4 Seiten überliefert worden, wozu die M. U. B. berichten: Das untenstehende Fragment des Malchinschen Stadtbuches steht auf zwei zusammenhängenden Pergamentblättern, welche aus dem Stadtbuche ausgelöst und leider nicht allein unten, sondern auch an den Seiten beschnitten sind, um zum Einbande von Hof- und Landgerichtsakten verwandt zu werden, von denen sie nach deren Abgabe an das Haupt-Archiv zu Schwerin abgelöst sind.
  • Ein Rostocker Haus [Gedicht] Fritz Hagemann Und eines ist es von den vielen, die / Des Meeres Nebel immer bleicht / An späten Nachmittagen, / wenn durch sie / Die Dämmerung verhüllend schleicht.
  • Choral G. H. Piehler; O. Miehler In allen dunklen Stunden, / in Trübsal und in Leid, / bleib, Herr, mit uns verbunden / und steh' du mir zur Seit.
  • An den Geliebten G. H. Piehler; H. Borlisch Hab in der Nacht / so oft gewacht, / und immer dacht ich dein. / O wärst du, mein Geliebter, hier. / O trüg ein Engel dich zu mir: / Ich wollt dein eigen sein.
  • Oberstudiendirektor Dr. Philipp Illmann (geb. 17. September 1860) Gustav H. Piehler Ostern 1904 tauchte am Gelehrtenhimmel des Gymnasium Carolinum in Neustrelitz ein neuer Stern auf, der ähnlich wie Karl Nahmmacher eine besondere Kraft und Wirkung ausstrahlte: Dr. Philipp Illmann. Nur wenige Jahre dauerte seine Tätigkeit auf dem Carolinum, dann wurde er als Direktor nach Friedland berufen. Aber diese Jahre genügten, um ihn uns unvergeßlich zu machen. Eine nicht sehr große, durch ihre Fülle eher klein wirkende Gestalt betrat das Klassenzimmer der Obertertia, elastisch und mit blitzendem Auge, aus dem Energie gepaart mit Wohlwollen und Verständnis für die jungen Menschen sprach, die nun seiner Obhut anvertraut waren. Griechisch lehrte er!
  • Malchiner Notgeld aus der Inflationszeit mit Abbildungen mittelalterlicher Wehrbauten
  • Zur Genealogie der Mecklenburgischen Baumeister Johann Friedrich Wilhelm Dun(c)kelberg (1773-1844) und Friedrich Wilhelm Buttel (1796-1869) Hans Müther Die Werke. des Gilly-Schülers Johann Friedrich Wilhelm Dunkelberg und des Schinkel-Schülers Friedrich Wilhelm Buttel sind in den 11Kunst- und Geschichts-Denkmälern des Freistaats Meckl.-Strelitz", herausgegeben v. d. dafür eingesetzten Kommission i. A. d. Meckl.-Strel. Ministeriums für Unterricht u. Kunst, bearb. von Krüger, Georg, unter hervorragender Mitarbeit von Brückner, Erich, und Endler, C. A., Neubrandenburg 1925-34, katalogisiert, untersucht und dargestellt.
  • "Ick wet ne olle Wise ut mine Kinnerjohr...", Ferientage im Specker Wald mit Dr. med. Bernhard Zanzig Carl Risch In den beschaulichen Tagen des Alters geht unser Blick zurück in die Vergangenheit, in das Reich der Kindheit, das so glücklich war, weil das Denken der Kinder frei ist von Zielstrebigkeit und erhaben über den Zweck. Wie die verblichenen, fast vergessenen Bilder vor unserem geistigen Auge auftauchen und lebendig werden, erkennen wir, daß wir nicht nur äußere Geschehnisse wahrgenommen haben: nein, uns wird bewußt, daß unsere Wanderung durch das Leben immer mehr ein Schreiten zu uns selber wurde, ein "Weg nach innen".
  • Die Stille [Gedicht] G. H. Wieviel Nächte / hab ich mit dir verträumt, / wieviel Tage / haben mich umschäumt / mit deines Wesens Wellen, / ihrem Duft.
  • Vom Fortschritt. Zeitgemäße Betrachtungen eines Unzeitgemäßen Hermann Brunswig Fortschritt ist das große Wort unse·rer Zeit. Dieser Fortschritt hat uns, die Alten, in die Ecke gefegt. Wir träumen den Zuständen vor dem I. Weltkriege nach und können dies verlorene Paradies nicht vergessen. Nein, wir Alten trauen dem Fortschritt nicht über den Weg, weil wir wissen, daß auch er sich immer nur im Kreise bewegt. Wir laufen ihm weder atemlos nach, noch mit geschwungener Fahne voran, um der Menschheit das ewige Glück, den ewigen Frieden und die ewige Seligkeit zu verheißen.
  • Der vierzehnte Oktober 1066 entschied über Englands Schicksal Hermann Rössler Ein jeder Kenner der englischen Sprache weiß, daß in dieser die größte Anzahl von abstrakten Ausdrücken romanisch-lateinischen Ursprungs ist. Noch zu Anfang des elften Jahrhunderts war das Angelsächsische nicht so sehr verschieden von den anderen Sprachen germanischer oder, wie man in England sagt, teutonischer Zunge. Oft waren die Unterschiede nur dialektischer Art. Die wesentliche Veränderung der Sprache begann mit der Eroberung Englands durch die französischen Normannen am 14. Oktober 1066, in der Schlacht bei Hastings.
  • Op de Heid [Gedicht] Dieter Bellmann De Obend fallt ut dusend Stiern, / De Mond stiggt bevern op; / En överbogen krummstött Hüürn, / Wachangeln weegt den Kopp.
  • Incidit in Scyllam / qui vult vitare Charybdim Nikolaus Nothnagel Der Jünglig N. N. hatte sich seinerzeit zu einem Berufe entschlossen, dessen Werdegang, getreu einer Jahrhunderte alten Überlieferung, in seltsam zwitteriger Weise in einen handwerklichen und einen akademischen Teil zerfiel. Wie alle jungen Neudrusedomer, sofern sie sich zu den Wissenschaften hingezogen fühlten, erwies auch er, nachdem er ein mit der Gesellenfreisprechung zu vergleichendes Examen bestanden hatte, der Tradition seine Reverenz und bezog die gemeinsame Landesuniversität.
  • Zu unseren Texten und Bildern
  • Ernst Hameister + Paul Langmaak Im April dieses Jahres ist in Lübeck der Fritz-Reuter-Rezitator Ernst Hameister verstorben. Er war Träger der Senatsplakette der Hansestadt Lübeck. Die Landsmannschaft der Mecklenburger zeichnete ihn in Würdigung seiner hervorragenden Verdienste um die niederdeutsche Sprache mit der Fritz-Reuter-Medaille aus.
  • Bücher und Buchbesprechungen
  • Verschiedenes
  • Dr. med. Hans Westphal, Feldberg, 75 Jahre Unser Caroliner Sanitätsrat Dr. med. Hans Westphal vollendete am 6. Oktober in Rüstigkeit und Frische sein 75. Lebensjahr in seinem Heimatort Feldberg (Mecklenburg), wo er noch heute als freipraktizierender Arzt tätig ist. Seine Schulzeit von Ostern 1902 bis Ostern 1910 auf dem Carolinum in Neustrelitz verlebte er in der Pension Nahmmacher bei "Tante Emming" zusammen mit seinen beiden Brüdern.
  • Vermischte Beiträge
  • Unterprima 1911 auf der Turnfahrt im Stieglitzenkrug bei Feldberg [Foto] Goebel (Goebler?), Bahlke, v. Arnswaldt, Reinke, Gerdi Braun, Kalkschmidt, Grobbecker, Braun, Fritz Tank, Fälsch, Gippe.
  • Der Caroliner Zeitungsverleger Otto Bohl (1882 -1966) Am Freitag, 10. Juni 1966, starb an den Folgen eines Schlaganfalls der Herausgeber des Insel-Boten, Zeitungsverleger Otto Bohl, im gesegneten Alter von 84 Jahren. 37 Jahre hat er auf Föhr gelebt, über 30 Jahre hat er alle seine Kräfte in den Dienst seiner Zeitung und diese Zeitung in den Dienst der Inseln Föhr und Amrum und ihrer Bewohner gestellt. Nun hat ihm der Tod die Feder endgültig aus der Hand genommen.